Posts by Magneto

    Hören ist ja nicht nur eine Wahrnehmung, die wir entsprechend unserer Hörerfahrung (die schon im Mutterleib beginnt), sondern ist vor allem ein Lernprozess. Gehörtes wird durch mehrere Filter geschickt: Kenne ich den Klang, das Geräusch, ist es wichtig, ist es unwichtig .... das Ganze wird je nach Gewichtung abgespeichert und steht dann der nächsten bzw. der dauerhaften Wahrnehmung zur Verfügung. Je öfter man etwas immer gleich oder sehr ähnlich wahrnimmt, umso dauerhafter wird es gespeichert, und umso dauerhafter kann es interpretiert werden. Guthörende Menschen nehmen diesen dauernd stattfindenden Lern-, Vergleichs- und Speicherprozess gar nicht bewusst wahr, das passiert permanent, auch im Schlaf. Ich habe mir, um das einigermassen plastisch erklären zu können, ein Modell einfallen lassen:


    1. Das Hörzentrum im Gehirn ist ein grosser Akten- bzw. Karteikartenschrank.


    2. Alles, was ich höre und wahrnehme, landet je nach Gewichtung in verschiedenen Karteikästen. Jeder Höreindruck ist ein Karteikärtchen. Das Karteikärtchen wird nur angelegt, wenn das Gehirn diese Information (sei es durch Wiederholung oder durch den Impuls des Gedächtnisses "das muss ich mir merken") als speichermässig relevant ansieht.


    3. Die Wahrnehmungen, die wir schon automatisiert haben (Stimmen im Familien- und Freundeskreis, mein Hund, meine Katze, mein Wecker, die Kaffeemaschine usw.), liegen ganz oben und sind für unsere Wahrnehmung super schnell erreichbar. Das Gehirn muss sich also nicht tief bücken, um da mal nachzuschauen, ob es hierfür ein Karteikärtchen gibt. Das bedeutet schnelle Erkennung, einfaches Wahrnehmen, unangestrengt, geht von ganz allein.


    4. Wahrnehmungen, die wir nicht automatisiert haben (weil man diese eben nicht so oft stattgefunden haben, beispielsweise bestimmte Vogelstimmen usw.), werden auch in die Karteikästen gelegt. Gehe ich also in den Zoo und höre den bunten Ara, dann guckt mein Gehirn in den Karteikasten: Ah, da ist ja der Ara und ich bin zufrieden. Das liegt auch daran, dass wir den Ara interessant finden und damit bekommt die Karteikarte ein kleines "Habe-ich-schon-öfter-gehört"-Häkchen, wenn wir den Ara mehrmals hören und erkennen. Auch hier halbwegs schnelle Erkennung, weil der Ara noch in einem Karteikästchen steckt, was man mit leichtem Bücken gut erreichen kann.


    5. Und jetzt kommt der Hörverlust ins Spiel: Weil man mit zunehmender Schwerhörigkeit manche in Karteikästen schlummernden Karteikärtchen nicht mehr hören kann (Ticken der Uhr, Vogelstimmen, Wassertropfen, überhaupt alles, war wir durch den Hörverlust nicht oder schwer wahrnehmen), sagt sich das Gehirn nach einiger Zeit: Ok, dann packe ich die Karteikarten mit den Wassertropfen und Vogelstimmen eine Reihe tiefer, die hört man eh nicht mehr. Aber mal abwarten, vielleicht kann ich das ja nochmal brauchen, ich merke mir das vorsichtshalber, bevor die Karteikarten ins Altpapier kommen, daher nehme ich mal vorübergehend die "Habe-ich-schon-öfter-gehört"-Häkchen weg.


    6. Nun kommt Stufe 1: Hörverlust ausgleichen mit dem Hörgerät. Das Hörgerät gleicht nicht mehr wahrnehmbare Frequenzen aus (ah, ich höre die Wassertropfen und Vogelstimmen wieder) und mischt das mit dem restlichen Höranteil, der noch vorhanden ist, zusammen. Diese Information wird wieder analysiert und das Hörzentrum fängt an, die Karteikästen durchzuforsten, um nachzuschauen, ob es Karteikärtchen mit den endlich wieder wahrnehmbaren Vogelstimmen und Wassertropfen gibt. Werden welche gefunden (dauert je nachdem, ob die Karteikärtchen inzwischen ziemlich weit nach unten und hinten gestapelt wurden, mehr oder weniger lang = Gewöhnungsprozess und neuerliche Bewertung), und wenn das häufiger passiert, dann werden die Karteikärtchen wieder nach oben gestapelt = ist wieder schnelle Erkennung, einfaches Wahrnehmen .... Entspannung setzt ein.


    Natürlich bzw. leider ist der Inputmix (Hörgerät stellt fehlende Frequenzen zur Verfügung und das Restgehör) für das Gehirn schwerer verdaulich als das in der guthörenden Zeit war, aber meist ist man damit schon ziemlich glücklich, man gewöhnt sich daran und so wandert ein Karteikärtchen nach dem anderen aus den Tiefen des Aktenschranks wieder in wahrhaft greifbare Nähe für das Hörzentrum.


    7. Ich lasse die individuelle Hörverlustkarriere mal aussen vor und springe gleich zu Stufe 2: Hören mit dem CI. Hier haben wir es mit einer ganz anderen Art des Hörens zu tun: Der ganze mechanische Weg ist nicht mehr vorhanden, das Gehörte wird elektronisch vom Sprachprozessor aufbereitet und auf die Elektroden verteilt. Unabhängig von Codierungsstrategien, Anzahl Elektroden usw. senden die Elektroden den aufbereiteten Höreindruck, der technisch bedingt halt nicht mehr so fein, so detailreich, leider etwas elektronisch usw. ist, an das Hörzentrum.

    Nun geht die Suche in den Karteikästen wieder los: Kenne ich das, was ich wahrnehme, schon? Damit kann ich so gar nichts anfangen, ich kriege nur Piepsen und so Sachen mit .... nach einiger Zeit - und das ist höchst indivuduell - denkt sich das Hörzentrum: Hm, klingt alles etwas anders, aber doch irgendwie bekannt .... ich mache mich doch mal richtig auf die Suche nach Karteikärtchen, die da passen könnten. Anstrengende Sache ....


    Und jetzt kommt der geniale Teil des Hörens mit dem CI: Redet meine Freundin nur oft genug mit mir über das CI, wird ihr Klangbild, welches auf der Karteikarte gespeichert ist, nach einiger Zeit wieder erkennbar. Das dauert seine Zeit, aber wenn ich meine Freundin irgendwann höre und sie an Klang erkenne, ohne sie dabei zu sehen, dann ist das Ziel erreicht: Das Karteikärtchen ist wieder ganz oben = schnelle Erkennung. So geht das seinen Gang und dabei werden die wieder hörbaren Wahrnehmungen kärtchenweise weiter nach oben gepackt. Dass das alles nicht mehr ganz so toll klingt und unangestrengt funktioniert wie "früher", ist einfach der technischen Limitation des Implantats, des Klangprozessings und des immerwährenden Umstapelns der Karteikärtchen geschuldet. Das kostet vor allem in der Anfangszeit viel Kraft.


    Geduld ist hier das Zauberwort, in sich hineinhören ebenfalls, eine gute Beschreibung, wie man etwas wahrnimmt, ist für den Audiologen bei den Anpassungen von höchster Bedeutung. Wenn man sich mal einen Basisschatz von wieder nach oben geholten Karteikärtchen angeeignet hat, fällt auch dieser Prozess immer leichter und damit auch das Hören mit dem CI.

    Wenn man ohne Prozessor in die Sauna geht, oder sich in die Infrarot-Kabine setzt, dann passiert nichts. Es kann etwas warm werden, und da die Technik bzw. das Implantat innen liegen, sollte auch nichts kaputt gehen. Ich habe bisher keine schlechten Erfahrungen damit gemacht.

    Ja, stimmt, das ist in allen Autos so, unabhängig, ob elektrisch oder nicht. Früher gab es mit Autoradios so ein Brummen und Knattern, wenn diese nicht funkentstört waren.


    Aber auch daheim oder unterwegs brummt es bei eingeschalteter T-Spule, wenn ich an der Klingel, am Router, manchmal sogar an einer Ampel stehe usw. oder auch nur irgendwo vorbei gehe. Aber ob das zum Nebenerwerb als "Stromleitungs-Suchgerät" taugt ....:saint: ...

    Ich sitze in meinem Plug-In-Hybrid-Auto direkt über dem Akkupack. Auch mit der ZOE bin ich schon einige Male unterwegs gewesen. Es brummt dabei in meinen CIs nur, wenn ich die T-Spule eingeschaltet habe. Ansonsten zeigen sich keine Effekte.

    Danke für die Antworten, das hat mir echt jetzt geholfen und werde das mit dem Tagebuch ausprobieren :):):) und einfach mal eine Woche lang mal Stufe leiser hören, ob es dann besser wird:!:

    Das würde ich ebenfalls vorschlagen, denn es hilft ungemein, wenn Du Deine Höreindrücke etwas sammelst: Welche Effekte sind häufiger störend bzw. unangenehm? In welcher Umgebung usw. .... das ist für die Anpassungen eine gute Vorbereitung, und wenn sich bei reduzierter Lautstärke das Hören zum Positiven wendet bzw. es angenehmer wird, dann kann der Audiologe auch entsprechend anpassen.

    Ich würde bei der nächstmöglichen Anpassung erstmal alle Elektroden einzeln einstellen lassen, bis diese jeweils sauber gehört werden können (Das wären hauptsächlich die zwei Parameter "erste Wahrnehmung bzw. Überschreiten der unteren Hörschwelle, fachlich T-Schwelle genannt" sowie "leicht an die Grenze der gut erträglichen Lautstärke gehend, fachlich C-Schwelle, also "comfortable" genannt ") . Das scheint mir die Grundvoraussetzung zu sein. Doof ist, wenn die T-Schwelle schon zu tief angesetzt wäre, dann bekommt man ein leises Dauer-Rauschen verpasst, ist die T-Schwelle zu hoch angesetzt, versäumt man schon wieder etwas. Aber ein guter Audiologe hört auf die Befindlichkeiten seiner Probanten, der seine Hörempfindung in dieser Anpassungsphase sehr konzentriert wahrnehmen und beschreiben sollte, und nimmt sich entsprechend Zeit für die Anpassung.


    Wenn es dabei zu erkennbaren Ausreissern (= Deine beschriebenen Unverträglichkeiten bzw. Fehleindrücke) einzelner Elektroden kommt, können diese Frequenzbereiche auch von den gut funktionierenden Elektroden übernommen werden, denn die Überlappungsbereiche der Frequenzen je Elektrode können in Grenzen variabel eingestellt werden, das erfordert sicherlich eine etwas feinfühligere (und damit langwierigere) Anpassung, und das kann auch beim Hörenlernen etwas länger dauern.


    Schön beschrieben ist dieser Vorgang hier (ab Seite 26):

    https://www.klinikum.uni-heide…Implantat_ID19549_web.pdf


    Auch sonst sehr lesenswert!

    Meine Finetuner haben keine Seriennummer, ich bin jedoch froh, zwei davon zu haben (einen immer dabei, einen als Ersatz). Ich habe auch schon einen verloren, aber gottseidank dank ehrlichem Finder über das Fundbüro wiedererhalten, da ich in der Hülle meine Telefonnummer eingetragen hatte, da hat mich dann das Fundbüro angerufen. Bürgernähe, wie sie sein sollte.


    Als Ersatzteil hat dieser seinerzeit ca. € 320.- bis € 350.- gekostet, das weiss ich nicht mehr genau, da das nun schon einige Jahre her ist.


    Da muss man wirklich drauf aufpassen - und wie oft bin ich schon von unterwegs nach Hause umgekehrt, weil das Ding wieder irgendwo herumgelegen ist :sleeping: ....

    Da muss man sich keine Sorgen machen - die Ausfallquote der Implantate ist recht gering. Und solange das Implantat das umsetzen kann, was der jeweils aktuelle Sprachprozessor liefert, ist ein Implantat-Tausch nur notwendig, wenn es defekt ist oder ggf. ein MRT-geeignetes Implantat (mit den drehbaren Magneten) sinnvoller wäre, weil man immer mal wieder ein MRT machen muss.

    Gute Frage ..... mir fällt es inzwischen nicht schwer, auch englische Sprache zu verstehen. Was mich erstaunt und bemerkenswert finde, dass ich in englisch gesungenen Liedern den Liedtext deutlicher und damit besser verstehe als vor meiner Ci-Zeit. Das liegt wohl an der auf Sprachverstehen ausgerichteten Strategie in der Prozessor-Software.


    Ich denke also, dass eine fremde Sprache nach einiger Zeit gut verstanden werden kann, sobald man ein gewisses, sicheres Maß an Verstehen in der eigenen Sprache erreicht hat.


    Ausprobieren! Ich bin gespannt auf Deine Erfahrungen.

    Ich finde es schon mal gut, dass die Öffentlich Rechtlichen Sender, in diesem Fall der WDR, sich unseres Themas annehmen und somit dem CI eine Stimme geben, unabhängig davon, ob wir sie im Einzel- oder Mehrfall nicht oder nicht gut genug verstehen. Ich denke, der WDR-Beitrag richtet sich ja nicht nur an ein-, zwei-seitig Versorgte oder noch unversorgte Hörer, sondern soll generell zum CI und dem Drumherum dazu informieren. Das hat mit Barrierefreiheit erstmal wenig zu tun. Gleichwohl hat der Ersteller dieses Tondokuments mit ziemlicher Sicherheit nicht an die eingeschränkte Hörfähigkeit der Ci-Träger gedacht, das merkt man schon am Anfang mit der grässlichen Musik.


    Sicherlich wäre ein Hinweis AnniB auf die fehlende Textdeskription hilfreich gewesen, aber ohne den Link auf den WDR hätte ich überhaupt nicht davon erfahren.

    Vor meiner CI-Zeit musste ich mir immer wieder die Nase zuhalten und einen Druckausgleich sozusagen provozieren. Das muss ich jetzt überhaupt nicht mehr. Aber trotzdem habe ich (selten) Druck auf den Ohren, vor allem bei längeren Landephasen mit dem Flieger. Ich lasse das dann von alleine abklingen.


    Wenn ich versuche, einen Druckausgleich herbeizuführen, habe ich das Gefühl, dass sich das Implantat hebt. Aber wie gesagt, seit dem 2. CI habe ich wie SaSel kein Gespür mehr dafür. Ich halte in solchen Fällen einfach kurz die Nase zu und schlucke kurz.


    Dani : Natürlich bewegen sich Trommelfell und die Mechanik im Mittelohr noch - aber es passiert nichts mehr dabei, was man hörmässig wahrnehmen könnte. Das ist eine interessante Frage, der ich mal versuchen werde, nachzugehen.

    Dann mal weiter gutes Gelingen :thumbup:ansonsten einen guten Heilungsprozess und vor allem eine spannende Erstanpassung! kann ich da nur wünschen.

    Während der Schlafenszeit habe ich meine CIs ausgeschaltet bzw. trage keine Prozessoren (was wohl die meisten CI-Träger machen), somit kann das Implantat auch keinen Strom annehmen und arbeiten. Ich vermute doch stark, dass in diesem Fall im Schlaflabor keine Probleme auftreten sollten.

    Nein, Du bist nicht zu empfindlich. Ich sag' mal kurz und knapp: Das wäre die längste Zeit meine Freundin gewesen.


    Es ist leider so: Viele Menschen können sich die Hörprobleme in solchen Störschall-Umgebungen schwer vorstellen - bis sie selbst davon betroffen sind, was ich ja niemanden wünsche. In meinem eigenen Umfeld habe ich auch leicht- und mittel-Schwerhörige, die zumindest wissen, wie ich mich fühle und das transportiert sich dann auch auf alle anderen drumherum. Insofern habe ich da etwas Glück im Unglück.


    Wenn wir alle zusammen unterwegs sind, haben sich die Optimal-Hörplatz-Strategien zwischen den gut- und schwerhörigen inzwischen gut eingespielt. Früher, vor meiner CI-Zeit, war ich auch zunehmend dabei, mich selbst immer mehr auszugrenzen, das ging soweit, dass ich den Eindruck hatte, anderen zur Last zu fallen, weil man zuviel Rücksicht auf mich nehmen muss. Das ist die grosse Gefahr dabei, und mit ein wenig Rücksicht aufeinander könnte man auch hier viel erreichen im Umgang miteinander.


    Vielleicht hilft Dir ja ein Gespräch mit Deiner Freundin in einem kleineren Rahmen, um das zu klären. Wenn dann immer noch kein Verständnis aufkommt, dann .... siehe oben.

    Immer langsam mit den jungen Hör-Pferden :). Der Anfang ist gemacht und nun musst Du noch die richtige Balance zwischen Hören und Ruhe zwischendurch finden. Viel Freude beim neuen Hören!

    Ich habe den Sonnet 2 nur im Rahmen einer Studiie stundenweise getragen - leider. Er klingt tatsächlich etwas runder, aber um ein abschliessendes Bild zu bekommen, muss ich leider noch vier Jahre warten ;( oder den Eurojackpot etwas anritzen :).

    Ich warte jetzt erstmal auf den Audiolink, der geht auch mit meinen Sonnets, das würde mich in manchen Dingen schon etwas weiter bringen. Aber ansonsten bin ich schon jetzt sehr zufrieden.

    Wie findet der Audiologe die Elektrode, die abgeschaltet werden sollte?

    Nach der Beschreibung der Symptome?

    Indem der Audiologe eine nach der anderen abschaltet. Aber die Auswirkung wird ja nicht sofort spürbar - das macht das alles etwas langwierig, zumindest war das bei mir so. Bei 12 Elektroden würde das im schlimmsten Fall bis zu 12 Wochen dauern ||.... Aber wenn der Audiologe schon anhand seiner Map-Darstellung eine Vermutung hat, welche Elektrode da zicken könnte, warum nicht.


    Ich würde erstmal die Stimulationsrate heruntersetzen lassen - das hat zumindest mir bei meinen Hörnerv-Reizungen geholfen. Damit konnte ich etwas schlechter hören als vorher, aber die Dröhnattacken waren nach einigen Tagen weg. Nach dem Abklingen der Reizungen haben wir die Stimulation wieder ganz langsam - über zweieinhalb Monate innerhalb der Reha - hochgefahren. Seitdem bin ich vorsichtig geworden.