Danke Pollux, für den sehr spannenden Einblick, den Du hier gewährst. Es gibt tatsächlich immer mehr Parallelen zwischen uns.
Mein Nicht-mehr-sprechen-Wollen wurde von meinem Umfeld erstaunlich gelassen aufgenommen. Rückblickend finde ich es allerdings merkwürdig, dass damals niemand eine psychologische Unterstützung für nötig hielt. Ich litt eindeutig unter PTBS und Depressionen. Trotzdem wurde so getan, als wäre es nicht weiter schlimm. Das Häufigste, was ich zu hören bzw. zu LESEN bekam, war: „Das wird schon wieder. Und man sieht dir ja nichts an.“
Dabei ist genau das das Schlimme: Man sieht es einem nicht an.
Ich trug übrigens Jahre später ein T-Shirt mit dem Aufdruck „ARROGANTE TANTE“. Ich war schon vorher schwarzhumorig, aber seit dem Gehörverlust ist es buchstäblich entartet. Auch gut. 😄
Mein Traum war schon als kleines Mädchen, Pianistin zu werden. Ab meinem 7. Lebensjahr bekam ich Klavierunterricht, der dann abrupt 10 Jahre endete, als ich mein Gehör verlor. Der Tag, an dem mein Klavier aus meinem Zimmer getragen und verkauft wurde (auf meinen eigenen Wunsch), gehört zu den schlimmsten meines Lebens. Dieser Schmerz war pure Qual.
Den Anblick eines Klaviers konnte ich danach jahrzehntelang nicht mehr ertragen. Bis ich mich diesem Schmerz irgendwann gestellt habe. Und dann fasste ich nach über 30 Jahren den Entschluss: Ich kaufe mir wieder eines und fange wieder an.
Lustigerweise waren die Handbewegungen sofort wieder da. Aber ich hatte unglaubliche Hemmungen zu spielen – auch und gerade, weil es so „disharmonisch“ klang. Mein Klavierlehrer hatte dann eine Idee: „Spiel, ohne dass du das Klavier (E-Piano) einschaltest.“
Das war der Wendepunkt. Ich spielte aus dem Gedächtnis heraus, ohne etwas zu hören. Dieser Knoten hat sich dadurch gelöst. Ich schaltete das E-Piano ein und plötzlich war alles wieder da. Das war einer der schönsten Momente meines Lebens.
Spielst Du auch Stücke, die Du noch nie gehört hast? Was spielst Du denn so?
Ich wurde ebenfalls 1989 zum ersten Mal implantiert. Da die Cochlea verknöchert war (was man erst bemerkte, als ich bereits auf dem Operationstisch lag), wurde die Cochlea am anderen Ende aufgebohrt und der Elektrodenstrang dort eingeführt. Anschliessend wurde das Ganze rückwärts programmiert. Das war damals absolute Pionierarbeit. Aber es funktionierte.
By the way: Wie hast Du das CI finanziert? Damals wurde das noch nicht anerkannt. Eine Sozialarbeiterin hat damals 100'000 Franken für mich „zusammengebettelt“. So etwas wäre heute undenkbar.
Dieses CI hat unglaubliche 37 Jahre durchgehalten. Leider ging bei der Revisionsoperation alles schief, was nur schieflaufen konnte: In zwei Versuchen innerhalb von 24 Stunden konnten nur neun Elektroden (von 22) eingesetzt werden. Mein Hörvermögen war damit praktisch bei null. Ich habe nichts verstanden und konnte damit nicht kommunizieren.
Dieser erneute „Gehörverlust“ hat mich komplett retraumatisiert – zumal noch weitere Fehler passiert sind. Der Druckverband wurde so eng gewickelt, dass Nerven abgestorben sind und ein Dekubitus Grad 2 auf der Stirn mit einer tiefen Narbe zurückblieb.
Zusätzlich erklärte man mir eine Woche nach der Operation, dass das Implantat mit einer zu langen Schraube befestigt worden sei, die die darunterliegende Vene reizte. Es bestand das Risiko einer Hirnthrombose. Das alles war zu viel für mich.
Nach zehn Monaten habe ich die Operation in einer anderen Klinik ein drittes Mal durchführen lassen – und diesmal ging alles gut. Seitdem ist für mich nichts mehr an einem CI selbstverständlich!
Hast Du denn nur 1 CI?
Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie es ist, normal zu hören. Mein Höreindruck ist mit zwei funktionierenden CI ist aber sehr gut. Musik bleibt natürlich die grosse Grenze. Vieles klingt einfach abartig. Aber vielleicht liegt das auch am Genre und nicht am CI. 
Es macht auf jeden Fall einen gigantischen Unterschied, ob ich die CI trage oder nicht. Wenn ich sie ablege, drifte ich sofort in ein akustisches Paralleluniversum ab, zu dem nur ich den Schlüssel habe. Es fühlt sich augenblicklich alles an wie in einem Vakuum, in dem ich eingeschlossen bin.
Es gibt Parallelwelten, die keine Science-Fiction sind, sondern Lebensrealitäten – und zu denen nicht jeder Zugang hat.