Posts by Chiara

    Ich trage seit 37 Jahren CI. Volksfeste, Jahrmärkte und grosse Biergärten gehören für mich in die Kategorie „akustischer Super-GAU“.

    Ganz ehrlich: wenn sich schon Guthörende gegenseitig über den Tisch hinweg anschreien müssen, warum sollte ich mit meinen beiden CI plötzlich jedes Wort verstehen?

    Stimmengewirr, Musik, Menschenmassen, Geschirrklappern und dann noch Gespräche von allen Seiten... Das ist für mich keine Unterhaltung mehr, sondern Qual und Schwerstarbeit für die Ohren.

    Ich meide solche Veranstaltungen deshalb wie der Teufel das Weihwasser. Wenn mir nach einem Gespräch ist, suche ich mir eine ruhige und entspannte Umgebung. Da habe ich wenigstens etwas davon.

    Das muss natürlich nicht für jeden gelten. Aber man darf sich auch eingestehen, dass es Situationen gibt, in denen selbst zwei CI keine Wunder vollbringen können.

    Dafür gab es im Krankenhaus ein anderes Problem: das Licht!

    Meiner Bettnachbarin ging es so schlecht, dass nonstop das Licht an war, was mich zu 100 % vom schlafen abgehalten hat. Wegen dem riesigen Druckverband konnte ich keine Schlafmaske anbringen.

    Fazit: ich habe zwei Nächte kein Auge zugetan und fühlte mich wie gerädert 8o

    Warum sollte ich eine solche Karte zeigen, wenn ich das, was drauf steht, genauso gut sagen kann? Das impliziert, dass ich nicht nur nicht hören, sondern auch nicht sprechen kann.


    Oder soll diese Karte ein Beweis sein, dass ich einen legitimen Grund habe, weil ich nicht verstehe? Ich erkaufe mir sozusagen mit einem Ausweis eine Art Sonderbehandlung oder Wohlwollen? "Hier ist der Beweis, ich bin behindert."

    Ich wurde schon mehrfach gefragt: „Sprechen Sie Deutsch?“, weil ich offenbar nicht reagiert habe.

    Aber mein persönliches Highlight war die Frage: „Können Sie eigentlich lesen und schreiben?“
    Da war ich dann doch kurz sprachlos – und das will bei mir schon etwas heissen. 😂

    Meine gute Kinderstube hat mich glücklicherweise davon abgehalten zu antworten:
    „Mit Sicherheit besser als Sie.“ 😉

    "Es tut mir leid, ich verstehe Sie nicht" klingt zwar höflich und ist vermutlich für viele eine eingeübte Floskel. Aber sprachlich steckt darin eine interessante Verschiebung: die Verantwortung für das Kommunikationsproblem wird bei der hörbehinderten Person abgeladen.

    Ich sage ja nicht: "Ich möchte Sie nicht verstehen."
    Ich sage: "Ich kann Sie nicht verstehen."

    Das sind zwei völlig verschiedene Dinge.

    Und ich glaube, es gibt noch einen zweiten Aspekt: viele Menschen mit Hörbehinderung haben über Jahrzehnte gelernt, sich für ihre Behinderung gewissermassen kleinzumachen.
    "Entschuldigung", "Könnten Sie das bitte wiederholen?", "Es tut mir leid, ich bin schwerhörig..."


    Immer schön höflich, damit die anderen sich möglichst wenig unwohl fühlen.

    Gerade wenn man ständig erlebt, dass die Umgebung genervt, ungeduldig oder peinlich berührt reagiert, kann sich dieses Entschuldigen regelrecht einbrennen.

    Ich muss mich jedoch nicht dafür entschuldigen, dass mein Körper eine bestimmte Voraussetzung mitbringt. Genauso wenig müsste jemand im Rollstuhl sagen: "Entschuldigung, ich kann Ihre Treppe leider nicht benutzen."

    Mich stört dieses wiederholte, beinahe reflexartige Entschuldigen. Auch und gerade, weil man damit unbewusst die Botschaft vermittelt: "Ich bin das Problem." Dabei lautet die Botschaft: "Wir haben gerade ein Kommunikationsproblem. Lass uns das lösen."

    Ich entschuldige mich NIE für meine Hörbehinderung. Ein „Es tut mir leid, ich verstehe Sie nicht“ kommt für mich irgendwie bedürftig daher. Warum sollte ich mich dafür entschuldigen, dass ich nicht höre?!

    Wenn ich mich erklären muss, dann eher mit einem schlichten: „Ich höre nicht gut.“ Das entspricht im weitesten Sinne ja der Wahrheit. Und ich muss daraus kein Referat über meine Hörsituation machen.

    Und ja: Bei uns in der Schweiz gehört es offenbar zu der allseits gelebten Höflichkeit, dass an der Kasse nicht nur nach der Quittung gefragt wird, sondern nach allem Möglichen und Unmöglichen 8o

    Ich habe allerdings keine Lust, beim Einpacken meiner Einkäufe ständig an den Lippen der Kassiererin zu kleben. Ich möchte meine Sachen zügig einpacken – und beides gleichzeitig funktioniert nun einmal nicht.

    Dazu kommt: trotz funktionierender CI verstehe ich Fragen im Umgebungslärm nicht, erst recht ohne Sichtkontakt. Das CI kann schliesslich keine Wunder vollbringen und aus dem Kassenbereich plötzlich eine schallisolierte Sprecherkabine zaubern.

    Genau deshalb meine Frage in die Runde: Wie geht ihr anderen mit dieser fast täglich wiederkehrenden Situation um?

    Ich persönlich bevorzuge klar das Self-Scanning. Der Scanner verlangt keine Konversation, erwartet keine spontane Reaktion und interessiert sich glücklicherweise überhaupt nicht dafür, ob ich ihn höre.

    Leider gibt es diese wunderbare Form der sozialen Entlastung nicht überall.

    Liebe alle, kennt ihr das?

    Man schaufelt seine Einkäufe aufs Band, die Kassiererin zieht alles im Affenzahn über den Scanner und ich komme kaum hinterher, den Kram wieder einzupacken. Dann schaue ich irgendwann auf – und blicke in ein fragend-genervtes Gesicht.

    Was habe ich jetzt schon wieder verpasst?

    Ach ja, die üblichen Fragen:

    • Möchten Sie eine Tasche?
    • Möchten Sie die Quittung?
    • Haben Sie eine Supercard?
    • Möchten Sie Rabatt-Marken?

    Alles Fragen, die ich durchaus kenne. Das Problem: Sie kommen jedes Mal – aber natürlich nie in derselben Reihenfolge.

    Die Frau an der Kasse ist ihrerseits verständlicherweise überhaupt nicht an meiner Lebensgeschichte interessiert. Warum auch? Für sie bin ich Kunde Nummer 437 an diesem Tag. Dass ich hörbehindert bin, sieht man mir nicht an. Und so fehlt jedes Verständnis dafür, dass ich nicht auf jede Frage reagieren kann.

    Augenrollen ist dabei noch die harmloseste Variante. 😏

    Und ich gehe dann nicht selten genervt aus dem Laden. Eigentlich Peanuts. Aber wenn sich genügend Peanuts ansammeln, hat man irgendwann eine ziemlich beachtliche Erdnussplantage.

    Nun frage ich mich:

    Soll ich jede mir unbekannte Kassiererin prophylaktisch über meine Hörbehinderung aufklären?

    „Guten Tag. Nur zu Ihrer Information: Ich bin hörbehindert. Bitte haben Sie Verständnis, wenn ich nicht auf Anhieb auf Ihre Fragen reagiere.“

    Und sie denkt sich vermutlich: Aha. Danke für die Information. Ich wollte eigentlich nur wissen, ob Sie eine Quittung möchten.

    Oder sollte ich mir einfach ein T-Shirt drucken lassen:

    „Ich bin hörbehindert. Ich nehme die Quittung, aber keine Rabatt-Marken.“

    Dann wäre zumindest für alle Beteiligten die Sache geklärt. 😂

    Am liebsten gehe ich deshalb zum Self-Scanning.

    Dieser Scanner ist herrlich unkompliziert. Er stellt keine Fragen, rollt nicht mit den Augen und vor allem: Es ist ihm völlig egal, ob ich höre oder nicht.

    Wie ist das bei euch?
    Kennt ihr solche Situationen? Und wie geht ihr damit um?

    Witzig… ich sage auch immer zu Nachbarn, Familie „bin offline“ wenn ich meine Hörapparate nicht trage… Damit sie nicht erst ausholen und ich dann sagen muss „hä?“

    "Bin offline" ist für mich am naheliegendsten, damit ist alles gesagt ((wie wenn ich kurz auf den Mond fliegen würde)). Wie nennt ihr Anderen diesen Zustand?

    Meine Tochter sagt übrigens, sie höre es mir sofort an, wenn ich die CI nicht trage (sehen tut man das wegen der langen Haare nicht). Ich würde dann jeweils ein bisschen tiefer und monotoner sprechen. Ich selbst merke das natürlich nicht.
    Habt ihr auch solche Feedbacks auf eure Stimme, wenn ihr nix hört? Betrifft aber wohl nur diejenigen, die wirklich taub sind ohne CI.

    Es gibt Tage, da könnten wir Bücher darüber schreiben, wie besch**** es ist, schlecht oder gar nichts zu hören. Immer nachfragen. Gespräche verpassen. Irgendwo zwischen "Wie bitte?" Nummer 237 und dem mitleidigen "Ach, nicht so wichtig..." stehen. Ja, wir sind Normalhörenden in vielem im Nachteil.

    ABER! *trommelwirbel* Ladies and Gents – wir haben auch Superkräfte 😎

    Gerade eben ist mir eine eingefallen: Stechmücken.

    Ich lese überall, dass die Leute derzeit nachts wegen dieses Geräusches zu Hulk mutieren:

    ssssssssssssssssssssssssssssss...

    Ähm... welches Geräusch? 😂

    Während andere um 3 Uhr morgens mit der Taschenlampe auf Mückenjagd gehen, schlafen WIR seelenruhig weiter. Die Mücke darf mich zwar trotzdem fressen – aber wenigstens macht sie mich vorher nicht psychisch fertig 😂


    Weitere exklusive CI-Superkräfte:

    • Nachbars Hund kann die ganze Nacht bellen – viel Erfolg damit.
    • Der schnarchende Partner? Kann theoretisch ein Presslufthammer sein.
    • Die Party nebenan? Offenbar war's ein ruhiger Abend.
    • Das schreiende Kind im Flugzeug? Ich gönne allen Mitreisenden starke Nerven und gehe offline.

    Welche "Nicht-hören-ist-heute-ausnahmsweise-ein-Vorteil"-Momente fallen euch noch ein?

    Danke Pollux, für den sehr spannenden Einblick, den Du hier gewährst. Es gibt tatsächlich immer mehr Parallelen zwischen uns.

    Mein Nicht-mehr-sprechen-Wollen wurde von meinem Umfeld erstaunlich gelassen aufgenommen. Rückblickend finde ich es allerdings merkwürdig, dass damals niemand eine psychologische Unterstützung für nötig hielt. Ich litt eindeutig unter PTBS und Depressionen. Trotzdem wurde so getan, als wäre es nicht weiter schlimm. Das Häufigste, was ich zu hören bzw. zu LESEN bekam, war: „Das wird schon wieder. Und man sieht dir ja nichts an.“

    Dabei ist genau das das Schlimme: Man sieht es einem nicht an.

    Ich trug übrigens Jahre später ein T-Shirt mit dem Aufdruck „ARROGANTE TANTE“. Ich war schon vorher schwarzhumorig, aber seit dem Gehörverlust ist es buchstäblich entartet. Auch gut. 😄

    Mein Traum war schon als kleines Mädchen, Pianistin zu werden. Ab meinem 7. Lebensjahr bekam ich Klavierunterricht, der dann abrupt 10 Jahre endete, als ich mein Gehör verlor. Der Tag, an dem mein Klavier aus meinem Zimmer getragen und verkauft wurde (auf meinen eigenen Wunsch), gehört zu den schlimmsten meines Lebens. Dieser Schmerz war pure Qual.

    Den Anblick eines Klaviers konnte ich danach jahrzehntelang nicht mehr ertragen. Bis ich mich diesem Schmerz irgendwann gestellt habe. Und dann fasste ich nach über 30 Jahren den Entschluss: Ich kaufe mir wieder eines und fange wieder an.

    Lustigerweise waren die Handbewegungen sofort wieder da. Aber ich hatte unglaubliche Hemmungen zu spielen – auch und gerade, weil es so „disharmonisch“ klang. Mein Klavierlehrer hatte dann eine Idee: „Spiel, ohne dass du das Klavier (E-Piano) einschaltest.“

    Das war der Wendepunkt. Ich spielte aus dem Gedächtnis heraus, ohne etwas zu hören. Dieser Knoten hat sich dadurch gelöst. Ich schaltete das E-Piano ein und plötzlich war alles wieder da. Das war einer der schönsten Momente meines Lebens.

    Spielst Du auch Stücke, die Du noch nie gehört hast? Was spielst Du denn so?

    Ich wurde ebenfalls 1989 zum ersten Mal implantiert. Da die Cochlea verknöchert war (was man erst bemerkte, als ich bereits auf dem Operationstisch lag), wurde die Cochlea am anderen Ende aufgebohrt und der Elektrodenstrang dort eingeführt. Anschliessend wurde das Ganze rückwärts programmiert. Das war damals absolute Pionierarbeit. Aber es funktionierte.

    By the way: Wie hast Du das CI finanziert? Damals wurde das noch nicht anerkannt. Eine Sozialarbeiterin hat damals 100'000 Franken für mich „zusammengebettelt“. So etwas wäre heute undenkbar.

    Dieses CI hat unglaubliche 37 Jahre durchgehalten. Leider ging bei der Revisionsoperation alles schief, was nur schieflaufen konnte: In zwei Versuchen innerhalb von 24 Stunden konnten nur neun Elektroden (von 22) eingesetzt werden. Mein Hörvermögen war damit praktisch bei null. Ich habe nichts verstanden und konnte damit nicht kommunizieren.

    Dieser erneute „Gehörverlust“ hat mich komplett retraumatisiert – zumal noch weitere Fehler passiert sind. Der Druckverband wurde so eng gewickelt, dass Nerven abgestorben sind und ein Dekubitus Grad 2 auf der Stirn mit einer tiefen Narbe zurückblieb.

    Zusätzlich erklärte man mir eine Woche nach der Operation, dass das Implantat mit einer zu langen Schraube befestigt worden sei, die die darunterliegende Vene reizte. Es bestand das Risiko einer Hirnthrombose. Das alles war zu viel für mich.

    Nach zehn Monaten habe ich die Operation in einer anderen Klinik ein drittes Mal durchführen lassen – und diesmal ging alles gut. Seitdem ist für mich nichts mehr an einem CI selbstverständlich!

    Hast Du denn nur 1 CI?

    Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie es ist, normal zu hören. Mein Höreindruck ist mit zwei funktionierenden CI ist aber sehr gut. Musik bleibt natürlich die grosse Grenze. Vieles klingt einfach abartig. Aber vielleicht liegt das auch am Genre und nicht am CI. ^^

    Es macht auf jeden Fall einen gigantischen Unterschied, ob ich die CI trage oder nicht. Wenn ich sie ablege, drifte ich sofort in ein akustisches Paralleluniversum ab, zu dem nur ich den Schlüssel habe. Es fühlt sich augenblicklich alles an wie in einem Vakuum, in dem ich eingeschlossen bin.

    Es gibt Parallelwelten, die keine Science-Fiction sind, sondern Lebensrealitäten – und zu denen nicht jeder Zugang hat.

    Ich lerne seit einigen Monaten Klavierspielen. Bisher sind meine Fähigkeiten natürlich begrenzt. Es gibt allerdings einen Akkord im Bass-Schlüssel, der für mich zusammen mit der anderen Hand immer wieder falsch klingt, so dass ich kontrolliere, ob ich die richtigen Tasten drücke. Der Klavierlehrer sagt, dass aber alles richtig ist, dass es solche Disharmonien in der Musik gibt und dass es Spannung aufbaut. Ich frage mich nun, ob das einfach eine persönliche Macke von mir ist oder ob das mit dem CI zusammenhängen kann (Ich habe ein CI und ein gut hörendes Ohr).
    Geht es jemandem von euch ähnlich?

    Ich spiele ebenfalls Klavier. Allerdings trage ich beidseitig CIs und deshalb klingt es für mich – Achtung, Dad-Joke – wie ein verstimmtes Klavier. 😄

    Richtig gut klingt es für mich eigentlich nur bei Stücken, die ich noch aus der Zeit vor meiner Ertaubung kenne, zum Beispiel Für Elise. Mein Gehirn ergänzt dann einfach die Höreindrücke, die ich in Wirklichkeit gar nicht höre. Faszinierend, was unser Kopf alles leisten kann.

    Ich stehe vor der gleichen Entscheidung. Ich habe den Prozessor jetzt vor 2 Tagen aktiviert bekommen. Ich habe ebenfalls mit dem Kanso 3 gestartet. Ich habe mir die Haare in den letzten 18 Monaten länger wachsen lassen, um das Gerät drunter "verschwinden" zu lassen. Ich hadere aber noch mit dem Magnet, obwohl ich den 5er montiert habe (der ja nicht länger getragen werden soll), fällt der Kanso 3 doch immer mal wieder ab. Fahrradhelm, aber auch eine Mütze gegen die Sonne sind mit dem Kanso 3 aussichtslos. Ich habe allerdings das Strinband noch nicht probiert. Das ist optionales Zubehör. Kurz: Die Idee von nur einem Knubbel am Kopf klingt charmant, ist aber nach 2 Tagen zumindest nicht optimal. Ich habe allerdings das HDO Gerät noch nicht getestet. VG

    Ein 5er-Magnet? 😳 Mein N8 hat Stärke 0,5 und hält selbst unter langen Haaren bombenfest.

    Viele wissen gar nicht, dass ein zu starker Magnet die Haut auf Dauer belasten kann. Durch den dauerhaft hohen Druck können Reizungen oder Entzündungen entstehen – im schlimmsten Fall sogar ernsthafte Hautschäden. Meine Technikerin erzählte mir, dass sie deswegen auch schon Fälle erlebt hat, in denen eine Hauttransplantation nötig wurde.

    Als grobe Faustregel gilt: Wenn nach dem Abnehmen des Prozessors eine deutliche Druckstelle bleibt, die auch nach 30 bis 60 Minuten noch sichtbar ist, sollte die Magnetstärke überprüft und gegebenenfalls angepasst werden.

    Just saying. 🙂

    Liebe Mosi

    Es ist bei mir 42 Jahre her, und trotzdem hat sich diese Zeit in mein Gedächtnis eingebrannt, als wäre sie erst gestern gewesen.

    Auch mit dem Gleichgewicht ging es mir ganz ähnlich. Die schlimmsten Symptome haben sich bei mir erst nach etwa eineinhalb Jahren gebessert. Erst dann konnte ich wieder einigermassen selbständig gehen. Das klingt im Moment wahrscheinlich wie eine Ewigkeit, aber der Körper kann erstaunlich viel lernen und ausgleichen – nur leider nicht von heute auf morgen.

    Ich weiss auch ganz genau, was Du mit dem Gefühl meinst, plötzlich ein anderer Mensch zu sein. Mir ging es genauso. Von einem Tag auf den anderen wird einem ein völlig neues Leben aufgezwungen, das man sich nie ausgesucht hätte und aus dem man nicht einfach wieder aussteigen kann. Das Gefühl ist, wie unter Vakuum zu stehen. Ich bin auf jeden Fall dadurch ein anderer Mensch geworden. Nicht schlechter – aber definitiv anders.

    Was mich auch nervt, ist die Aussenwirkung. Wenn ich nicht reagiere, halten mich manche für arrogant. Wenn ich etwas falsch verstehe und entsprechend antworte, wirke ich dumm. Und weil ich schwanke, denken manche sogar, ich hätte etwas getrunken. Die Alternative ist, ständig zu erklären, warum ich so bin. Damit mich die Leute eben nicht für arrogant, dumm oder besoffen halten. Aber auch das kostet jedes Mal Energie. Irgendwann ist der Akku einfach leer und ich bin froh, wenn ich die Haustüre hinter mir schliessen kann und niemand mehr etwas von mir will.

    Und Langzeitfolgen? 😉 Du meinst, ausser dass wir nichts mehr hören und gelegentlich etwas schwanken? Der Galgenhumor gehört bei mir inzwischen einfach dazu.

    Ich habe vor Kurzem noch etwas zu diesem Thema geschrieben. Vielleicht findest Du Dich in dem einen oder anderen Gedanken wieder:

    Chiara
    July 27, 2026 at 7:49 PM


    LG, Chiara

    Mosi, diese Erfahrungen habe ich auch gemacht. Ich konnte nicht einmal im Liegen ein Buch lesen, weil das Buch ständig gewackelt hat – selbst wenn ich ganz ruhig dalag. Auch den verwackelten Blick beim Gehen (bzw. Schwanken 8o) und dass alles irgendwie leicht verschwommen war, kenne ich nur zu gut.

    Die gute Nachricht: Das wird sich mit der Zeit normalisieren. Der Körper lernt erstaunlich gut, das auszugleichen, auch wenn es am Anfang kaum vorstellbar ist.

    Pollux, Du bist 1966 ertaubt – ein Jahr vor meiner Geburt. Wenn ich darüber nachdenke, muss das damals noch einmal eine ganz andere Hausnummer gewesen sein als bei meiner Ertaubung 18 Jahre später. Allein die Kommunikation! Heute quatscht man kurz ins Smartphone und bekommt den Text fein säuberlich transkribiert. Davon konnte man damals doch nur träumen.

    Ich bin damals jahrelang nie ohne Schreibblock aus dem Haus gegangen. Das war meine Kommunikation. Jedes einzelne Wort musste aufgeschrieben werden. Und erstaunlich viele Leute fühlten sich davon auf den Arm genommen als angesprochen, wenn ich den Block hilfesuchend entgegengestreckt habe 🙈

    Ich war dermassen traumatisiert von der ganzen Situation, dass ich mehrere Monate lang aufgehört habe zu sprechen. Ich hatte regelrecht Angst vor mir selbst. Es fühlte sich an, als wäre ich bereits tot. Ich hörte meine eigene Stimme nicht mehr, ich hörte nicht einmal meine Schritte. Ich wusste nie, wie laut ich sprechen sollte – und lag damit meistens komplett daneben. Also habe ich irgendwann einfach aufgehört zu reden. Das erschien mir damals völlig logisch. Schliesslich musste man mir ja auch alles aufschreiben, und meine Antwort schrieb ich einfach darunter. Was für eine haarsträubende, beschissene Zeit! Wenn ich heute daran zurückdenke, kann ich kaum glauben, dass ich das tatsächlich erlebt habe.

    Auch die CI-Technik steckte damals doch noch komplett in den Kinderschuhen, oder? Ich erinnere mich noch an ein uraltes Implantat-Modell mit Stecker statt Magnet. Wie und wann bist Du eigentlich zu Deinem CI gekommen?

    Ich bin jedenfalls ganz neugierig auf Deine Geschichte und würde sehr gerne mehr darüber lesen – natürlich nur, wenn Du magst. 😊

    Mit dem Thema Verknöcherungen/Ossifikation haben wir Meningitis-Ertaubten ja leider noch ein zusätzliches Päckchen zu tragen. Meine Technikerin erzählte mir, dass in ihrem Krankenhaus Menschen, die durch Meningitis ertaubt sind, möglichst innerhalb von 48 Stunden implantiert werden – unabhängig davon, in welchem Zustand sie sich gerade befinden. Besonders bei Babys, Kleinkindern und Jugendlichen muss das eine unfassbar belastende Situation sein. Neben der schweren Krankheit auch noch unter diesem Zeitdruck eine so weitreichende Entscheidung treffen zu müssen – das mag ich mir kaum vorstellen.

    Runde Geburtstage sind übrigens noch schlimmer als normale Geburtstage. 😄 Ich mache inzwischen einen grossen Bogen um solche Feiern oder kündige vorher an, dass ich höchstens zehn Minuten bleibe, weil der Lärm für mich einfach zu viel wird. Da halte ich es wie Martin: Wer kein Verständnis hat, wird aussortiert. 😉

    Talking Sticks habe ich auch schon ausprobiert. Die Idee ist super – die Umsetzung durch Hörende eher... ausbaufähig... 😂 Das klappt ungefähr 20 Sekunden, dann reden wieder alle gleichzeitig. An einem Sechsertisch entstehen gefühlt sofort drei Gespräche – natürlich noch kreuz und quer. Da weiss man irgendwann gar nicht mehr, wohin man hören soll.