umgang mit „hörentwöhnung“

  • hallo allerseits,

    die einstellung des CI ist bei der EA noch sehr leise und weit vom zielbereich entfernt. in der Reha wird die lautstärke schrittweise angehoben, um sich dem zielbereich zu nähern bzw. diesen zu erreichen.

    dieser prozess scheint bei mir sehr schwierig zu sein - bisher musste ich leider mehrmals die erfahrung machen, dass zu forsch vorgegangen wurde und ich 1-2 tage nach der neuen einstellung nichts mehr verstanden habe, der bis dahin erzielte hörerfolg also zunichte war. insbesondere der höhere frequenzbereich war bzw. ist bis jetzt sehr unangenehm bis unerträglich. nach solchen episoden wurde alles wieder etwas leiser gestellt und es vergingen mindestens 1 - 2 wochen, bis sich mein hörsystem von dieser überlastung wieder erholt hat und man die signalstärke wieder etwas anheben konnte. man hat in der reha wohl erst jetzt (3 1/2 monate nach EA) verstanden, dass die lautstärke, insbesondere im hochtonbereich bei mir nur in mini-schritten angehoben werden sollte. gleichwohl bleiben die hohen töne sehr unangenehm.

    im moment habe ich wieder eine einstellung, die ich im alltag einigermaßen gut aushalten kann, die aber über den tag zu immer stärker werdendem dröhnen (flugzeuggeräusch) führt, das jeden input übertönt. über nacht verschwindet es. am folgetag dann das gleiche.

    ich würde gern wissen, welche theorie bzw. welches modell vom hören mit CI dahinter steckt. ist denn überhaupt sicher, dass eine hörentwöhnung überwindbar ist oder kann es sein, dass der hörnerv nach dem motto use it or loose it generell nicht mehr auf die frequenzen anspricht, deren er „entwöhnt“ ist?

    hörbehindert seit Geburt, HG mit Anfang 20 (Phonak), seit ca. 3-4 Jahren massive Verschlechterung des Wortverständnisses, Okt. 2025 CI-Implantation (AB), EA Nov. 2025

  • Zuerst einmal sind 3,5 Monate nach der Erstanpassung immer noch eine sehr geringe Zeit. Insofern ist es völlig in Ordnung, wenn die Einstellungen sich nur langsam dem Zielbereich nähern und am Ende hast du das letzte Wort, das Tempo zu bestimmen und niemand anders.

    Deine momentane Einstellung mit dem Dröhnen am Abend, hatte ich in den ersten Monaten bei mir auch beobachten können. In meinem Fall trat es in der Regel dann auf, wenn ich abends meine Prozessoren abgelegt hatte für die Bettruhe. Am nächsten Tag war alles wieder gut. Irgendwann war es dann ganz verschwunden. Deshalb gehe ich hier von einem normalen Gewöhnungsprozess aus. Ist es dir dennoch mal zuviel, verringere zeitweise die Lautstärke manuell oder gönne dir Hörpausen.

    Edited once, last by Audi (March 16, 2026 at 6:48 PM).

  • In der Zeitschrift Spektrum Hören war mal ein Artikel zum Thema Hörentwöhnung erschienen. Vieles hängt davon ab, wie stark ausgeprägt die vorliegende Hörschädigung ist und wielange diese schon unversorgt bzw. nicht ausreichend versorgt war. Im Durchschnitt dauert die Gewöhnung an Hörgeräte sechs Wochen bis drei Monate, wobei es immer wieder Fälle gibt bei denen es schneller oder im umgekehten Fall länger dauert. Liegt dagegen schon eine Hörentwöhnung vor, so dass das Gehirn erst wieder lernen muss verlorengegangene Reize wieder wahrzunehmen, so dauert der Gewöhnungsprozess hier im Durchschnitt sechs Monate bis zu einem Jahr. Auch hier kann es bei dem ein oder anderen schneller oder eben auch länger dauern. Beim CI wird bei einer Hörentwöhnung von einem Jahr ausgegangen.

  • ich frage mich nur, wie es sein kann, dass menschen die bereits jahrelang taub durchs leben gegangen sind, bereits nach wenigen tagen bis wochen verstehendes hören im alltag erleben können. ich habe ca. 50 jahre lang beidseitig HG getragen und mich damit bis vor etwa 3 jahren gut verständigen können. mit dem Roger Pen sogar sehr leicht und völlig problemlos und ohne auf lippenlesen zurückgreifen zu müssen. eine hörentwöhnung kann ich mir daher allenfalls im hochtonbereich vorstellen.

    beim vorbereitungsgespräch in der klinik erklärte der akustiker meine zwei oder drei jahre zuvor neu aufgetretenen effekte (die ich jetzt allesamt in viel stärkerem maße habe) auch mit überlastung des hörsystems. er sagte auch, dass das lange (monate) dauern könne bis zur erholung.

    ich bin ziemlich beunruhigt wegen des unterschieds zu ertaubten menschen und frage mich halt, ob mit dem hörnerv auf der implantierten seite wirklich alles in ordnung ist.

    hörbehindert seit Geburt, HG mit Anfang 20 (Phonak), seit ca. 3-4 Jahren massive Verschlechterung des Wortverständnisses, Okt. 2025 CI-Implantation (AB), EA Nov. 2025

  • ... beim vorbereitungsgespräch in der klinik erklärte der akustiker meine zwei oder drei jahre zuvor neu aufgetretenen effekte (die ich jetzt allesamt in viel stärkerem maße habe) auch mit überlastung des hörsystems. er sagte auch, dass das lange (monate) dauern könne bis zur erholung. ich bin ziemlich beunruhigt wegen des unterschieds zu ertaubten menschen und frage mich halt, ob mit dem hörnerv auf der implantierten seite wirklich alles in ordnung ist.

    Reisender Da das CI den Hörnerv viel direkter ansteuert als ein Hörgerät mit "Überlautschall", kann es durchaus sein, dass die zwei oder drei jahre zuvor neu aufgetretenenEffekte noch eine ganze Weile bestehen bleiben können. Stelle es dir wie eine sehr, sehr schwer zu verheilende Wunde vor. So in etwa meinte es der Akustiker wahrscheinlich auch.

    rechts und links: AdvancedBionics (AB) Naída CI-M 90

  • Ich habe ja leider nicht die allermeiste Ahnung von der Materie aber kann nur für mich selbst folgendes sagen:

    Bei mir gingen zu laut weder mit Hörgeräten noch mit dem CI. Wenn es mir zu laut wurde war das sprachverstehen bei mir völlig untergegangen. Bei mir ist weniger mehr und es ist besser etwas zu leise als zu laut einzustellen.
    Einer der ersten akustiker sagte mal zu mir das man sich mit dem Hören an vieles gewöhnt aber niemals an zu laut!
    Also, für mich stimmt das wirklich.

    Rechts Chochlea Implantat AB

    Links Hörgerät Phonak Naida, ohne Hörgerät noch 10% Sprachverstehen

    Erstanpassung am 19.01.2026

  • Also meine laienhafte Meinung ist, dass sowohl zu wenig als auch zu viel Input Probleme bereiten können. Etwa so ähnlich wie mit Muskeln.

    Ich habe seit der Implantation auch teilweise ein Dröhnen im Ohr. Nicht Flugzeuglautstärke, eher Waschmaschine im Schleudergang oder ein Rasenmäher. In den Jahren zuvor war die Seite total unproblematisch, nur eben mit wenig Hörvermögen. Ich reduziere dann die Lautstärke bzw. auch Tragezeit des SP. Blöderweise wird das Dröhnen mehr, wenn ich zu wenig schlafe und ich kann teilweise nicht schlafen, weil es dröhnt. Für das Problem habe ich noch keine gute Lösung gefunden…

    Deine Situation scheint mir sehr speziell zu sein, weil du vor der OP schon Probleme durch Überlastung hattest. Das ist wahrscheinlich für deine Behandler schwer einzuschätzen. Daher solltest du dich gut beobachten, um deine Grenzen nicht zu sehr zu überschreiten. Also eher kürzere Zeiten oder weniger Lautstärke. Je nachdem, was besser für dich ist.

  • danke für Deine worte!

    wenn die expertInnen schon nicht wissen, wie mit dem problem umzugehen ist, dann bleibt für beide seiten (!) doch nur versuch und irrtum. nur leider kostet mich jeder irrtum wochen! die schon einigermaßen gute einstellung, mit der ich bereits ganz gutes wortverständnis hatte, ist bis heute, 2 monate danach, noch nicht wieder aushaltbar. offensichtlich hat sich die überlastung noch nicht wieder abgebaut auf den zustand vor der misslungenen einstellung.

    in 6 wochen beginnt meine reise. wann sollte ich also aufhören, an den einstellungen drehen zu lassen? das ist für mich jetzt die entscheidende frage.

    ich bin halt ziemlich ratlos.

    immerhin ist das dröhnen jetzt weg und durch ein relativ lautes rauschen auf der nichtimplantierten seite abgelöst geworden. zusätzlich tritt im moment des inputs ein sehr helles singen auf, das mit der dauer des inputs von außen stärker wird. die hörübungen werden parallel dazu schwieriger.

    P.S. rein vorsorglich: der reisezeitraum ist aus mehreren gründen nicht verhandelbar.

    hörbehindert seit Geburt, HG mit Anfang 20 (Phonak), seit ca. 3-4 Jahren massive Verschlechterung des Wortverständnisses, Okt. 2025 CI-Implantation (AB), EA Nov. 2025

  • Es ist eben sehr schwierig, weil man die Hörempfindungen und „internen Geräusche“ nicht gut messen kann.
    Kannst du Lautstärke und Empfindlichkeit selbst regeln über die Fernbedienung oder App? Das hilft mir gerade ganz gut. Allerdings bin ich auch erst in der dritten Woche nach Erstanpassung.

  • … Kannst du Lautstärke und Empfindlichkeit selbst regeln über die Fernbedienung oder App? …

    nur die lautstärke, getrennt für CI und HG. lange zeit stimmte für mich die balance CI/HG nicht, da war die getrennte lautstärkeregelung sehr hilfreich.

    Dir viel erfolg auf Deinem weg! :)

    hörbehindert seit Geburt, HG mit Anfang 20 (Phonak), seit ca. 3-4 Jahren massive Verschlechterung des Wortverständnisses, Okt. 2025 CI-Implantation (AB), EA Nov. 2025

  • Zum Üben stelle ich bei meinem Samsung Galxy S23+ in "Bluetooth - Details" die Lautstärke des Hörgeräts (ReSound Nexia) runter bis zu Null. Damit höre ich dann nur mit dem CI. Mit geringer Lautstärke des Hörgeräts kann ich eine Unterstützung des Hörens mit CI bei "schwierigen" Worten erreichen.

  • @ Reisender:

    Bist du bei der geplanten Reise sehr auf das Hören angewiesen? Oder würde es auch ohne gehen?

    Wenn es ohne viel Hören müssen geht, würde ich mir jetzt keinen Stress machen und das CI so ganz leise neben her laufen lassen. Vll kann sich alles dann zusammen mit der Reise erholen.

  • @ Reisender:

    Bist du bei der geplanten Reise sehr auf das Hören angewiesen? Oder würde es auch ohne gehen?

    ja, geht ohne. es sind nur kurze standarddialoge zu erwarten, wie beim einkaufen, tanken, ggf. kurzer austausch mit den warden auf den campingplätzen (ist leider und zugleich nachvollziehbar pflicht) oder mit NP-rangern und - rangerinnen. das ist ja genau meine hoffnung, dass es u.a. erholungszeit für meine hörnerven wird.

    das CI würde ich die ganze zeit so mitlaufen lassen, wie Du geschrieben hast. :)

    hörbehindert seit Geburt, HG mit Anfang 20 (Phonak), seit ca. 3-4 Jahren massive Verschlechterung des Wortverständnisses, Okt. 2025 CI-Implantation (AB), EA Nov. 2025

  • Ich frage mich, ob es wirklich nötig ist, das CI immer lauter zu stellen.

    Das Gehirn ist ja sehr flexibel und lernfähig. Bei Schwerhörigkeit ist das Problem, das viele Haarzellen verschwunden sind die Information unvollständig weitergegeben wird.

    Ich denke mir gerade, das CI überträgt alle Frequenzen. Ob es das nun laut oder leise tut, das Gehirn bekommt all nötigen Informationen.

    Vielleicht ist es möglich, daß das Gehirn sich auf ein leises CI einstellt und selbst die Lautstärke anhebt.

    Wenn Du immer Tinnitus hast, könnte die Idee daran scheitern. Andererseits, wenn das CI leise bleibt, beruhigt sich Dein Tinnitus vielleicht auch so sehr, daß das CI auch mit leiser Einstellung gut gehört wird.

    Ich habe keine Ahnung, aber stelle mir vor, daß es möglich ist. Ohne Tinnitus würde ich sagen, es geht mit sehr großer Wahrscheinlichkeit.

    Ein anderer Haken ist das zweite Ohr mit Hörgerät. Solange da die Informationen lauter ankommen, wird das Gehirn die leisen Töne des CI vielleicht ignorieren.

    Ein leise eingestelltes CI, auf einem Level, das keine Probleme macht, und auf das Hörgerät erstmal verzichten. So daß das Gehirn lernt, sich auf die feinen Signale des CI einzustellen. Ohne das Ziel, später lauter zu werden. Das könnte ein Ansatz sein.

    Med-El Sonnet 3 seit November 2025, bisher einseitig. Anderes Ohr mit minimal Restgehör im Tieftonbereich, kein Hörgerät.

  • Hallo,

    ich frage mich gerade, welchen Zielbereich du meinst, den man mit CI erreichen sollte.

    Meinst du die Aufblähkurve?

    Wenn ja: das ist ein recht allgemeiner Maßstab und das Erreichen ist auch kein Muss. Vieles hängt auch von deiner persönlichen Hörbiographie ab.

    Wenn ich meine Aufblähkurven ansehe, dann wollen Audiologen allesamt einen bestimmten Bereich anheben. Haben wir mal versucht, allerdings habe ich dann viel schlechter verstanden. Die Töne kamen nicht mehr klar an, sondern „schepperten“ usw.
    Inzwischen ist klar: ich muss mich wohlfühlen und wenn die Aufblähkurve dafür halt bei 40 dB liegt, dann ist das halt so!

  • Servus,


    Genau diese Frage hatte ich heute mit meinem Techniker diskutiert. Ich habe noch nicht vollständig verstanden, warum die Lautstärke immerwieder angepasst wird. Da brauche ich selbst erst noch genügend praktische Erfahrung, um die Theorie zu verstehen.


    Aber in einem anderen Erklärversuch hatte mir mein Techniker das so versucht zu erklären: Ziel ist es, die Einstellung und passende Lautstärke zu finden, die es mir ermöglicht, nicht mehr situativ die Lautstärke beim CI in der täglichen Nutzung anpassen zu müssen. (ich hoffe, das war verständlich beschrieben). Also ständig am Lautstärkeregler rumfummeln.

    Unabhängig davon, habe ich bei den Gesprächen mit meiner Ärztin für mich mitgenommen, dass es eigentlich ein permanenter Anpassungsprozess lebenslang sein wird, da wir uns, unser Gehirn, unsere Gesundheit, unser Umfeld im steten (Ver)Ändern sind. Was vermutlich das natürliche Gehör automatisch macht, muss bei uns per Hand durch die Technik erfolgen. Natürlich zukünftig nicht mehr so oft wie am Anfang der neuen „Hörreise“.

    „Guten Tag, ich möchte gerne für morgen ein Brot von gestern vorbestellen.“

    Horst Evers