Ich finde die Aussage unqualifiziert. An behandelt bereits die ersten tauben Menschen mit Gentherapie. Wenn wir zurüchdenken, was 1976 war, muss man feststellen, die Welt war eine andere. Es gab kaum Computer, in privaten Haushalten schon mal gar nicht. Nicht alle Leute hatten ein Telefon, nicht alle hatten einen Farbfernseher.
Ich möchte hier zwei Punkte klarstellen:
Die mir zugeschriebene Aussage, dass in den nächsten 50 Jahren keine Gentherapie möglich sein wird, habe ich so nicht getroffen. Was ich bewusst zuspitze, ist etwas anderes: Ich gehe nicht davon aus, dass jemand von uns in absehbarer Zeit eine einfache, kausale Gentherapie erleben wird, nach dem Prinzip „Behandlung und das Gehör ist wieder vollständig da“.
Und dazu stehe ich auch weiterhin.
Vor allem möchte ich aber einen anderen Punkt deutlich machen: Niemand sollte heute eine funktionierende Versorgung aufschieben, in der Hoffnung, dass in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten eine Gentherapie das Cochlea-Implantat ersetzt. Dafür gibt es nach aktuellem Stand weder eine klinisch verfügbare Perspektive noch belastbare Evidenz. Wir leben im Hier und Jetzt, und dafür brauchen Menschen Lösungen, die heute wirken.
Was aktuell erforscht wird, ist hochspannend, aber differenziert zu betrachten: Im Bereich der optischen Cochlea-Implantate sprechen wir von Kombinationen aus Gentherapie und Medizintechnik – nicht von einer alleinstehenden „Heilung“. Und die Diskussion, ob irgendwann ein komplettes Innenohr gezüchtet und transplantiert werden kann, ist nochmals eine völlig andere Ebene, die mit der aktuellen klinischen Realität nichts zu tun hat.
Und ein letzter Punkt, der mir wichtig ist: Fachliche Einschätzungen sollten nicht vorschnell an Berufsbezeichnungen festgemacht werden. Gerade in diesem Themenfeld entstehen fundierte Perspektiven oft aus der Verbindung von Praxis, Versorgung, Forschung und Gremienarbeit.
Ich arbeite seit vielen Jahren genau an dieser Schnittstelle, bin u. a. an der Leitlinienarbeit beteiligt und im Kuratorium des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Optogenetische Therapien in Göttingen tätig. Die Einschätzung basiert also nicht auf einer Einzelmeinung, sondern auf engem Bezug zum aktuellen Forschungsstand.
Mehr Einordnung als Positionierung – aber mit der Bitte, Erwartungen realistisch zu halten.