Warum klingen normalschnell gesprochene Nachrichten so hastig?

  • Ja, ich bin im Moment echt froh, dass was ankommt und ich auch schon was verstehe. Wenn ich normal herumlaufe mit beiden Ohren, merke ich links nichts. Gestern morgen kam beim normalen Gespräch und zugehaltenem Ohr nichts groß bewusst an. Gestern Abend habe ich das Ohr nochmal beim heute-journal zugehalten und da hat dann die ganze Zeit jemand geredet; ich habe zwar nichts verstanden, aber die Stimme hat geredet und geredet.

    einseitig ehemals an Taubheit grenzend, Implantation am 20.9.19, EA am 24.10.19, Nucleus 7 von Cochlear

    das andere Ohr ist normalhörend

  • Was auch für den Anfang okay so klingt.


    Normalerweise fängt man ja auch leise an, und Woche für Woche wird die Lautstärke langsam und behutsam erhöht.

    Und auch bißchen an den Einstellungen was verändert.

    Wenn Du schon gut was verstehen kannst, könnte es sein, daß nicht viel an den Einstellungen gemacht wird. Es sei denn, es fällt Dir was auf. Was weiß ich? Zu dumpf, zu hohl, zu viel gezische, oder so.



    Schönen Gruß

    Sheltie

  • Bei mir hat das "tiefe" CI- Ohr schon mit HG tiefer als das andere geklungen- was die Verschiedenheit der Ohren beweist. ( Ich bin normalhörend gewesen und spätertaubt. )

    Das Dokument finde ich sehr interessant, das kannte ich auch noch nicht; es erklärt ja sehr viel. Danke!

    einseitig ehemals an Taubheit grenzend, Implantation am 20.9.19, EA am 24.10.19, Nucleus 7 von Cochlear

    das andere Ohr ist normalhörend

  • Hören ist ja nicht nur eine Wahrnehmung, die wir entsprechend unserer Hörerfahrung (die schon im Mutterleib beginnt), sondern ist vor allem ein Lernprozess. Gehörtes wird durch mehrere Filter geschickt: Kenne ich den Klang, das Geräusch, ist es wichtig, ist es unwichtig .... das Ganze wird je nach Gewichtung abgespeichert und steht dann der nächsten bzw. der dauerhaften Wahrnehmung zur Verfügung. Je öfter man etwas immer gleich oder sehr ähnlich wahrnimmt, umso dauerhafter wird es gespeichert, und umso dauerhafter kann es interpretiert werden. Guthörende Menschen nehmen diesen dauernd stattfindenden Lern-, Vergleichs- und Speicherprozess gar nicht bewusst wahr, das passiert permanent, auch im Schlaf. Ich habe mir, um das einigermassen plastisch erklären zu können, ein Modell einfallen lassen:


    1. Das Hörzentrum im Gehirn ist ein grosser Akten- bzw. Karteikartenschrank.


    2. Alles, was ich höre und wahrnehme, landet je nach Gewichtung in verschiedenen Karteikästen. Jeder Höreindruck ist ein Karteikärtchen. Das Karteikärtchen wird nur angelegt, wenn das Gehirn diese Information (sei es durch Wiederholung oder durch den Impuls des Gedächtnisses "das muss ich mir merken") als speichermässig relevant ansieht.


    3. Die Wahrnehmungen, die wir schon automatisiert haben (Stimmen im Familien- und Freundeskreis, mein Hund, meine Katze, mein Wecker, die Kaffeemaschine usw.), liegen ganz oben und sind für unsere Wahrnehmung super schnell erreichbar. Das Gehirn muss sich also nicht tief bücken, um da mal nachzuschauen, ob es hierfür ein Karteikärtchen gibt. Das bedeutet schnelle Erkennung, einfaches Wahrnehmen, unangestrengt, geht von ganz allein.


    4. Wahrnehmungen, die wir nicht automatisiert haben (weil man diese eben nicht so oft stattgefunden haben, beispielsweise bestimmte Vogelstimmen usw.), werden auch in die Karteikästen gelegt. Gehe ich also in den Zoo und höre den bunten Ara, dann guckt mein Gehirn in den Karteikasten: Ah, da ist ja der Ara und ich bin zufrieden. Das liegt auch daran, dass wir den Ara interessant finden und damit bekommt die Karteikarte ein kleines "Habe-ich-schon-öfter-gehört"-Häkchen, wenn wir den Ara mehrmals hören und erkennen. Auch hier halbwegs schnelle Erkennung, weil der Ara noch in einem Karteikästchen steckt, was man mit leichtem Bücken gut erreichen kann.


    5. Und jetzt kommt der Hörverlust ins Spiel: Weil man mit zunehmender Schwerhörigkeit manche in Karteikästen schlummernden Karteikärtchen nicht mehr hören kann (Ticken der Uhr, Vogelstimmen, Wassertropfen, überhaupt alles, war wir durch den Hörverlust nicht oder schwer wahrnehmen), sagt sich das Gehirn nach einiger Zeit: Ok, dann packe ich die Karteikarten mit den Wassertropfen und Vogelstimmen eine Reihe tiefer, die hört man eh nicht mehr. Aber mal abwarten, vielleicht kann ich das ja nochmal brauchen, ich merke mir das vorsichtshalber, bevor die Karteikarten ins Altpapier kommen, daher nehme ich mal vorübergehend die "Habe-ich-schon-öfter-gehört"-Häkchen weg.


    6. Nun kommt Stufe 1: Hörverlust ausgleichen mit dem Hörgerät. Das Hörgerät gleicht nicht mehr wahrnehmbare Frequenzen aus (ah, ich höre die Wassertropfen und Vogelstimmen wieder) und mischt das mit dem restlichen Höranteil, der noch vorhanden ist, zusammen. Diese Information wird wieder analysiert und das Hörzentrum fängt an, die Karteikästen durchzuforsten, um nachzuschauen, ob es Karteikärtchen mit den endlich wieder wahrnehmbaren Vogelstimmen und Wassertropfen gibt. Werden welche gefunden (dauert je nachdem, ob die Karteikärtchen inzwischen ziemlich weit nach unten und hinten gestapelt wurden, mehr oder weniger lang = Gewöhnungsprozess und neuerliche Bewertung), und wenn das häufiger passiert, dann werden die Karteikärtchen wieder nach oben gestapelt = ist wieder schnelle Erkennung, einfaches Wahrnehmen .... Entspannung setzt ein.


    Natürlich bzw. leider ist der Inputmix (Hörgerät stellt fehlende Frequenzen zur Verfügung und das Restgehör) für das Gehirn schwerer verdaulich als das in der guthörenden Zeit war, aber meist ist man damit schon ziemlich glücklich, man gewöhnt sich daran und so wandert ein Karteikärtchen nach dem anderen aus den Tiefen des Aktenschranks wieder in wahrhaft greifbare Nähe für das Hörzentrum.


    7. Ich lasse die individuelle Hörverlustkarriere mal aussen vor und springe gleich zu Stufe 2: Hören mit dem CI. Hier haben wir es mit einer ganz anderen Art des Hörens zu tun: Der ganze mechanische Weg ist nicht mehr vorhanden, das Gehörte wird elektronisch vom Sprachprozessor aufbereitet und auf die Elektroden verteilt. Unabhängig von Codierungsstrategien, Anzahl Elektroden usw. senden die Elektroden den aufbereiteten Höreindruck, der technisch bedingt halt nicht mehr so fein, so detailreich, leider etwas elektronisch usw. ist, an das Hörzentrum.

    Nun geht die Suche in den Karteikästen wieder los: Kenne ich das, was ich wahrnehme, schon? Damit kann ich so gar nichts anfangen, ich kriege nur Piepsen und so Sachen mit .... nach einiger Zeit - und das ist höchst indivuduell - denkt sich das Hörzentrum: Hm, klingt alles etwas anders, aber doch irgendwie bekannt .... ich mache mich doch mal richtig auf die Suche nach Karteikärtchen, die da passen könnten. Anstrengende Sache ....


    Und jetzt kommt der geniale Teil des Hörens mit dem CI: Redet meine Freundin nur oft genug mit mir über das CI, wird ihr Klangbild, welches auf der Karteikarte gespeichert ist, nach einiger Zeit wieder erkennbar. Das dauert seine Zeit, aber wenn ich meine Freundin irgendwann höre und sie an Klang erkenne, ohne sie dabei zu sehen, dann ist das Ziel erreicht: Das Karteikärtchen ist wieder ganz oben = schnelle Erkennung. So geht das seinen Gang und dabei werden die wieder hörbaren Wahrnehmungen kärtchenweise weiter nach oben gepackt. Dass das alles nicht mehr ganz so toll klingt und unangestrengt funktioniert wie "früher", ist einfach der technischen Limitation des Implantats, des Klangprozessings und des immerwährenden Umstapelns der Karteikärtchen geschuldet. Das kostet vor allem in der Anfangszeit viel Kraft.


    Geduld ist hier das Zauberwort, in sich hineinhören ebenfalls, eine gute Beschreibung, wie man etwas wahrnimmt, ist für den Audiologen bei den Anpassungen von höchster Bedeutung. Wenn man sich mal einen Basisschatz von wieder nach oben geholten Karteikärtchen angeeignet hat, fällt auch dieser Prozess immer leichter und damit auch das Hören mit dem CI.

    Gruss, Rainer.


    Beidseitig versorgt mit: Med-El (Flex 28 im Schneckle, aussen jeweils Sonnet, vormals Rondo)


    ____________________________________


    Das Gute missfällt uns, wenn wir ihm nicht gewachsen sind.

  • Danke für die ausführliche Beschreibung, Magneto!


    Mein Problem ist, dass ich anfangs noch zuversichtlich war. Im Lauf der Monate komme ich mit dem Hörstress durch das CI immer weniger klar. Er zermürbt mich und macht mich fertig. So gern ich noch etwas Geduld hätte. Ich kann sie kaum noch aufbringen.

  • Danke für die ausführliche Beschreibung, Magneto!


    Mein Problem ist, dass ich anfangs noch zuversichtlich war. Im Lauf der Monate komme ich mit dem Hörstress durch das CI immer weniger klar. Er zermürbt mich und macht mich fertig. So gern ich noch etwas Geduld hätte. Ich kann sie kaum noch aufbringen.

    Bitte bitte sage dir, dass du gerade ein Tief hast und nun dank deinem Lesen und der Unterstützung hier und auch deinem Bemühen derzeit es ab jetzt bergauf geht.


    In kleinen Schritten...erklimmst auch du den Berg, ganz bald!

  • Hallo MadameMim


    Ich weiß eine Stationäre reha über mehrer Wochen ist kein Wunderheilmittel aber evtl. eine Chance für dich weiter zu kommen in Sachen hören mit dem CI. Du kommst raus aus dem Altag und du hast Zeit für dich un dein CI.


    lg

    franzi

    MedEl Synchrony -Sonnet CI 30.9.2014
    EA 27.10.2014
    links. Cochlear 512 10.11.2010
    EA 6.12.2010
    re-implantation 9.5.2011
    EA 14.6.2011

  • Dem Kommentar von Franzi kann ich nur zustimmen. Ich war im Frühjahr nach einem knappen Jahr CI-Träger für 5 Wochen zur Reha in Bad Nauheim, und ich habe gefühlt in diesen 5 Wochen mehr erreicht als in dem knappen Jahr davor.


    Andreas

    Rechts HG seit 2009 z.Z. Phonak Naida Link

    Links Naida CI Q90 mit HiRes Ultra CI HiFocus SlimJ Electrode - OP 23.02.2018

    Erstanpassung am 16.04.2018 im DHZ Hannover

  • Mach auf jeden Fall eine stationäre Reha, wenn du sie, und das sollte eigentlich relativ problemlos gehen, genehmigt bekommst.

    Man erfährt unglaublich viel rund um das Thema CI und Hörbehinderung herum und kann sich mit Betroffenen toll austauschen.

    In Bad Salzuflen wird auch eine psychologische Betreuung angeboten.


    viel Erfolg und gehe einen Schritt nach dem nächsten.


    LG SaSel

    Von Geburt an hochgradig schwerhörig beidseitig, im Laufe der Jahre an Taubheit grenzend schwerhörig beidseitig
    OP rechts am 31.05.2017 Uni Köln, EA am 17.07.2017, Cochlear Kanso
    links HG, zurzeit Resound Linx wegen Kompatibilität zu Cochlear

  • Ich arbeite mich im Moment in kleineren Portionen durch das Hörbuch von „Harry Potter“ und lese mit. Es ist ganz witzig, inzwischen schwankt das „Tempo“. Kurze Sätze und Stellen, an denen der Sprecher wohl eine tiefe Stimme imitiert, klingen normalschnell, lange Sätze oder empört klingende Stellen sind weiterhin so hastig im Klang. Das Mitlesen scheint das Gehirn zu entspannen, denn beim bloßen HinHÖREN wird es insgesamt schnell, spare ich mir also. Kann es eigentlich sein, dass Lernprozesse besonders nachts, also im Schlaf, passieren?

    einseitig ehemals an Taubheit grenzend, Implantation am 20.9.19, EA am 24.10.19, Nucleus 7 von Cochlear

    das andere Ohr ist normalhörend